Zu diesem Titel:
Zahlreiche Flüchtlinge und Vertriebene kamen seit 1945 in das Eichsfeld, das größte geschlossene katholische Gebiet der SBZ/DDR. Das ländlich-katholische Umfeld war für diese so genannten „Umsiedler" nur in seltenen Fällen integrationsfördernd. Auch im kirchlichen Bereich blieben die Flüchtlinge trotz caritativer Hilfsprogramme häufig unverstanden oder ausgegrenzt, was ihre Beheimatung erschwerte oder unmöglich machte. Sie nahmen das mehrheitlich katholische Eichsfeld mit mannigfachen Integrationsbarrieren vielfach als „kalte Heimat" wahr.Topografisch bildete das Eichsfeld für die zahlreichen Migrationsbewegungen der Nachkriegszeit ein „Nadelöhr", eine Schnittstelle an der Grenze zu den westlichen Besatzungszonen. Dieser Umstand, zugleich Aufnahmegebiet für „Neubürger" und Durchgangsstation auf dem Weg in den Westen zu sein, schuf zusätzlich Konflikte, denen die Einheimischen kaum gewachsen waren.Im Mittelpunkt dieses Buches stehen die konfessionellen und gesellschaftlich-politischen Lebensbereiche der Ankunftsgesellschaft und deren Bewohner nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges: die Bereitschaft der Einheimischen, Flüchtlinge aufzunehmen, und die Möglichkeiten der Vertriebenen, sich in der „neuen Heimat Eichsfeld" integrieren zu lassen.Weitere Stimmen zu diesem Titel:Dieser Titel: "Neue Heimat Eichsfeld?" entstand aus der Diplomarbeit von Torsten Müller „Flüchtlinge im Eichsfeld 1945-1953. Dargestellt am Beispiel des Dekanates Heiligenstadt" und wurde am 4. Juni 2007 am Lehrstuhl für Kirchengeschichte des Mittelalters und der Neuzeit der Universität Erfurt bei Professor Dr. Josef Pilvousek vorgelegt. Sie umfasst insgesamt 135 Seiten, wobei der eigentliche Text auf 72 Seiten steht; ein ausführlicher Anhang mit acht Lebensbildern vertriebener Priester, Dokumenten und Abbildungen ergänzt die Diplomarbeit. Nach der Einleitung und der Beschreibung der besonderen Situation des Eichsfeldes als homogene katholische Enklave im protestantisch orientierten Umfeld wird - gleichsam vorgeschaltet - das Problem der durchziehenden Flüchtlingsströme durch das Grenzland Eichsfeld behandelt. Die Aufnahme der Flüchtlinge im lokalen und gesellschaftlichen Umfeld und die Rolle von Kirche und Katholizismus bei der Beheimatung der Flüchtlinge bilden die Themenschwerpunkte der Diplomarbeit.Das Eichsfeld war in mehrfacher Hinsicht durch die Migrationsbewegungen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs betroffen. Zunächst ist auf die Schnittstelle zu den westlichen Besatzungszonen hinzuweisen und auf den Grenzübergang Kirchgandern, an dem Tausende Flüchtlinge und Heimkehrer die Grenze überschritten oder zu überschreiten suchten. Die völlig überforderte Administration, sowjetische Schikanen und die unvorstellbare Not der Grenzgänger schufen Konfliktpotentiale, denen die Einheimischen nicht immer adäquat begegneten oder begegnen konnten. Kirche, Caritas und vor allem die Pfarrer versuchten diese Not zu lindern, zu beseitigen war sie nicht.Ein zweiter, interessanter Problembereich ergibt sich aus der in den Dörfern oft auch zwangsweise vorgenommenen Unterbringung der Flüchtlinge. Die kleinen Dörfer und Kleinbauernhöfe oder kleinen Häuser waren kaum geeignet, komfortable Wohnungen oder Zimmer zur Verfügung zu stellen; notdürftig waren und blieben die Unterkünfte. Menschliche Untugenden wie Geiz, Missgunst oder Egoismus schufen oft unerträgliche Situationen.Wie hat sich die katholische Kirche in dieser komplizierten Situation verhalten? Ein Ergebnis der Studie ist, dass vor allem die Kirche und ihre hauptamtlichen Vertreter wesentlich zur Besserung der Lage beigetragen haben. Dazu kommt der geistliche Einfluss vor allem der Seelsorger, deren Appelle um Spenden, Nahrung und an die christliche Nächstenliebe zumeist Erfolg zeitigten. So hat vor allem die Kirche zur Beheimatung in den Gemeinden beigetragen. Natürlich ist auch manch unkirchliches Verhalten zu registrieren oder politische Einflussnahmen, die kirchliches Handeln zu diskreditieren suchten. Alles in allem ist die Bilanz kirchlicher Hilfe dennoch beeindruckend.Die Diplomarbeit betritt Neuland und ist - aber nicht nur deshalb - als Pionierstudie zu werten. Peter Anhalt Vors. des Vereins für Eichsfeldische Heimatkunde
Aus dem Inhalt Vorwort des HerausgebersDanksagung1 Einleitung1.1 Vertriebene als Fremde. Integrationsprobleme deutscher Zwangsmigranten in der SBZ/DDR1.1.1 Das Problem der korrekten Benennung1.1.2 Integration - Assimilation - Beheimatung1.2 Untersuchungsgegenstand und Zielsetzung1.3 Forschungsstand1.4 Territoriale und zeitliche Eingrenzungen1.5 Quellen1.6 Aufbau2 Kirchliche und politische Verhältnisse im Eichsfeld2.1 Die katholische Kirche des Obereichsfeldes - ein Überblick2.2 Politische Transformationsprozesse: die Errichtung der Diktatur3 Das Eichsfeld als Transitland3.1 Migrationsbewegungen durch das Eichsfeld3.1.1 Heiligenstadt-Kirchgandern-Besenhausen-Friedland3.1.2 Teistungen-Gerblingerode3.2 Die Sorge der katholischen Kirche um die Migranten3.2.1 Das katholische Pfarrhaus3.2.2 Die einheimische Bevölkerung3.2.3 Geregelte Caritasarbeit: „Wir hatten um Hilfe gerufen, und sie wollten helfen."3.2.3.1 Die Leinefelder Katholiken und ihr Pfarrer Pius Botthof3.2.3.2 Der Caritasverband Heiligenstadt3.3 Fazit: die Ambivalenz der Nachkriegszeit4 Staatliche und gesellschaftliche Vertriebenen-Integrationen im Eichsfeld, oder: „Neubürger sind keine Gäste"4.1 Vorbemerkungen4.2 Die Ankunft, Aufnahme und Erstversorgung in der Kommune4.2.1 Wohnraumbeschaffung: die „gute Stube" bleibt4.2.2 Latente Wohnungsnot4.3 Die „Antifa-Umsiedler" als unerwünschte „Erzieher" der Eichsfelder4.4 Zwischen Rückkehrhoffnung und Neuanfang: Arbeits- und Lebensverhältnisse der Flüchtlinge4.4.1 Arbeitssuche im ländlichen Raum4.4.2 Flüchtlings-Alltag: „differenzierte Nächstenliebe"4.4.2.1 Das Dorf als „geschlossene Gesellschaft"4.4.2.2 Konfliktsituationen4.4.2.3 Schulalltag4.4.2.4 Die Sicht der Flüchtlinge: im Fremden ungewollt zu Hause4.4.2.5 Geglückte Integration? 4.5 Fazit5 Die katholische Kirche des Eichsfeldes und die Flüchtlinge: Beheimatung der Heimatlosen?5.1 Klerus und Flüchtlinge, oder: „tätige Liebe nützt mehr als nur gepredigte."5.1.1 Der Priester vor Ort5.1.2 Zusammenarbeit des Klerus' mit staatlichen Stellen5.2 Die örtliche Caritas - leibliche Versorgung der Flüchtlinge5.2.1 Sammlungen bei den Alteingesessenen, oder: „echtes kath. Christentum verlangt auch stets echte Karitastat"5.2.2 Spenden aus dem Ausland5.3 Erste Ansätze der seelsorglichen Flüchtlingsbegleitung5.3.1 Pastorisierung in rein katholischen Gemeinden5.3.1.1 Der Gottesdienst und die Teilnahme der Vertriebenen5.3.1.2 Volksmissionen5.3.2 Neue Diaspora in protestantischen Dörfern - zwei Beispiele5.3.2.1 Dietzenrode, Lindewerra und Wahlhausen5.3.2.2 Asbach-Sickenberg und Vatterode5.4 Neue Heimat in der Pfarrgemeinde? 5.4.1 Chancen für eine Beheimatung in der Pfarrei5.4.1.1 Katholizismus als gemeinsame Klammer5.4.1.2 Die Flüchtlingspriester: ihre Anstellung und ihr pastoraler Einsatz5.4.1.3 Versuche einer landsmannschaftlichen Seelsorge5.4.1.4 Mysterienspiele in Heiligenstadt5.4.2 Barrieren für eine Beheimatung der heimatlos Gewordenen5.4.2.1 Konfessionsverschiedenheit: „Wir sind im wahren Christentum"5.4.2.2 Verständnisloser Klerus?5.4.2.3 Unterschiedliche Ausprägungen des Katholizismus'5.4.2.4 Die „Gerechtigkeitsstellen" - eine ungerechte Sache5.4.2.5 Widersprüche zur betonten Kirchlichkeit: „und das sind Katholiken!"5.5 Fazit6 Hilfen für die thüringische Diaspora6.1 Konflikte6.2 Gelungene Patenbeziehungen7 Schlussbetrachtung8 Anhang8.1 Einige Lebensbilder vertriebener Priester, die 1945-1953 im Eichsfeld Aufnahme oder Anstellung fanden8.2 Dokumentenanhang9 Quellen-, Abbildungs- und Literaturverzeichnis9.1 Quellenverzeichnis9.2 Literaturverzeichnis9.3 Abbildungsverzeichnis10 Abkürzungsverzeichnis