Nach den Osterferien 1939 kehren die Primanerinnen der Oberschule für Mädchen der Hoffbauer-Stiftung in Potsdam-Hermannswerder in ihr Internat zurück, vorwiegend Töchter von Gutsbesitzern aus dem Osten oder Industriellen und Ärzten aus Mitteldeutschland. Der Kriegsbeginn reißt die Schulklassen auseinander, man beschließt, den Kontakt durch Rundbriefe zu erhalten. Über einen Zeitraum von mehr als 30 Jahren kursieren diese Briefe mit nur kurzen Unterbrechungen und werden so zu einem Zeitzeugnis über das Erleben, die Meinungen und Gefühle von 20 ehemaligen Schülerinnen in einer bewegten Zeit.
Die meisten von ihnen verloren durch Krieg, Vertreibung oder Enteignung das Elternhaus, bangten und trauerten um ihren Verlobten oder Ehemann, um Eltern oder Geschwister. Nach dem Krieg waren sie bereit zum Neubeginn, zunächst unter großen Entbehrungen.
„Meine Briefe müssen als das gesehen werden, was ein junges Mädchen oder eine junge Frau damals erlebt und empfunden hat, etwas, was nicht immer identisch ist mit meinem Denken heute”, schreibt eine Autorin anläßlich der Herausgabe ihrer Briefe.
Ein ehrliches Buch und typisch für Frauenschicksale damals.
Aus dem Inhalt:
Vorwort 5
Lilo Held - Eine Erinnerung an unsere Schulzeit in Hermannswerder und ein Dank an unsere Erzieherinnen, Lehrerinnen und Lehrer 9
Die Rundbriefe
Marie-Erika Brutschke geb. von Schmeling 15
Ursula Hauck geb. Neddermeyer 62
Liselotte Wessolowski geb. Kopp 73
Gisela Schliephake 86
Bärbel Groth 93
Ruth Leyhe geb. Krüger 121
Ruth Götz geb. Übelhack 135
Maria Näder geb. Bock 148
Elli Ruhstein geb. Wippich 195
Lia Hopwood geb. Brasche 200
Irmgard Hoffmann geb. Heuer 211
Brigitte Meimberg geb. von Bonin 215
Dorothea Kreidel geb. Jordan, verw. Quandt 224
Ingeborg Raute geb. Marsch 259
Barbara Morris geb. Hupfeld 273
Hildegard Langrock 288
Ursula Müller geb. Schaefer 319
Ellen-Ruth Kleiner geb. Otto 342
Astrid Effmann geb. Reichstein 346
Lilo Held geb. Gladow 353
In memoriam - Unsere Klassenlehrer Dr. Charlotte von Trotha
und Dr. Adolf Füting 369
Anhang
Die Hoffbauer-Stiftung Potsdam-Hermannswerder und ihre Schulen 371
Klassenfotos 374
Zum Nachschlagen - Glossar
Abkürzungen 378
Kurznamen der Autorinnen 378
Vorwort des Buches:
Nach den Osterferien 1939 kehrten wir als Primanerinnen der Oberschule für Mädchen der Hoffbauer-Stiftung in Potsdam-Hermannswerder in das Internat der Schule zurück. Das letzte Schuljahr begann, auch für die wenigen direkt aus Potsdam oder Berlin kommenden externen Klassenkameradinnen. Das Elternhaus der meisten von uns stand in Ost- und Mitteldeutschland, aber auch in Estland oder Bayern. Unsere Väter waren vorwiegend Gutsbesitzer, Industrielle, Ärzte, auch eine Pfarrerstochter war darunter. Wir wuchsen in einer preußisch-konservativ und christlich geprägten Umgebung auf.
Während des Sommers 1939 absolvierten einige von uns ein hauswirtschaftliches Praktikum, darunter auch die Mädchen aus dem Schlafsaal Nr. 7 des Internats. Sie beschlossen, in Briefen über diese Zeit zu berichten. Daraus entstanden die in den nächsten Jahren fortgeführten „Schlafsaal-Rundbriefe". Die Teilnehmer sind in diesem Buch an dem größeren Volumen ihrer Beiträge zu erkennen. Später beteiligten sie sich auch an den „Klassenrundbriefen".
Am 1. September 1939 begann der Zweite Weltkrieg. Bald nach Kriegsbeginn wurden wir Primanerinnen zu einem, zunächst nur halbjährig geplanten, Kriegshilfsdienst herangezogen, die meisten von uns in Lazaretten oder in kriegswichtigen Betrieben. Für viele bedeutete dies aber das Ende der Schulzeit, denn nach Ablauf der sechs Monate kehrten wir nur für wenige Tage in die Schule zurück und auch nur, um das Abiturzeugnis in Empfang zu nehmen. Nur diejenigen, die studieren wollten und durften erhielten noch einige Monate einen vorbereitenden Unterricht.
Angeregt durch den schon kursierenden „Schlafsaal-Rundbrief', entstand nach dem Abitur ein Klassenrundbrief, an dem sich zeitweilig bis zu 20 „Ehemalige" beteiligten. Ab 1944 wurden die Verhältnisse in Deutschland so chaotisch, daß es kaum noch eine Möglichkeit des schnellen Kursierens der Rundbriefe gab, und diese Situation hielt bis etwa zwei Jahre nach Kriegsende an. Doch dann fanden einzelne Schülerinnen wieder zueinander, Adressen wurden ausgetauscht, und ein neuer Start der Rundbriefe begann. Nachträglich wurde in diesen ersten Briefen nach Kriegsende auch über das dramatische Geschehen der letzten Kriegsjahre und in der ersten Nachkriegszeit berichtet.
Die politische Entwicklung führte in den fünfziger Jahren dazu, daß die Briefe nicht mehr in die DDR geschickt wurden, allerdings lebten die meisten „Ehemaligen" zu diesem Zeitpunkt auch bereits in Westdeutschland. Anfang der siebziger Jahre liefen die Rundbriefe aus, Klassentreffen traten an ihre Stelle, und in vielen persönlichen Freundschaften blieben direkte Kontakte erhalten. Dabei wurde immer wieder der Ruf nach einer Veröffentlichung der Briefe laut.
Wir freuen uns, nun die Briefe zusammengefaßt als Buch unseren Mitschülerinnen und vor allem auch deren Kindern, Enkelkindern und Angehörigen und gleichzeitig der Öffentlichkeit übergeben zu können. Dem Besitzer des Kremer-Verlages, Herrn Dr. F. W. Kremer, sind wir dankbar für sein persönliches Engagement bei der Herausgabe dieses Buches.
Die Briefe sind in diesem Buch nach Personen sortiert, da so die einzelnen Lebensabläufe geschlossen zum Ausdruck kommen. Kürzungen wurden nur vorgenommen, wenn wiederholt auf die Briefe anderer eingegangen wurde oder es sich um allgemeine Redewendungen handelte. Der Briefstil wurde stets beibehalten, auch wenn dadurch manchmal grammatikalische oder sogar orthographische Regeln durchbrochen wurden.
Erfreut hat uns der Mut unserer Mitschülerinnen, selbst drastisch ausgedrückte Textstellen zum Zeitgeschehen unverändert zu lassen, denn natürlich haben wir sie oder, falls verstorben, die Angehörigen um Genehmigung zur Veröffentlichung der Briefe gebeten. Eine unserer Klassenkameradinnen schrieb uns hierzu: „Meine Briefe müssen als das gesehen werden, was ein junges Mädchen oder eine junge Frau damals empfunden und erlebt hat, etwas, was nicht immer identisch ist mit meinem Denken heute. Wenn meine Enkelkinder fragen: ,Wie hast Du diese Zeit erlebt?` hat es keinen Sinn, nachträglich Korrekturen vorzunehmen."
„Briefe aus bewegten Zeiten" haben wir als Titel für dieses Buch gewählt. Die meisten der Autorinnen verloren durch Krieg, Vertreibung und Enteignung ihr Elternhaus. Viele flohen aus dem Osten nach Mitteldeutschland und nach Jahren weiter in den Westen. Wer sich im Krieg verlobt hatte oder heiratete, bangte um das Leben der Männer. Einige fielen im Krieg, nächste Angehörige kamen ums Leben. Auch eine unserer Klassenkameradinnen mit ihrer Mutter und Schwester verloren ihr Leben durch eine Luftmine.
Nach dem Krieg fingen die Überlebenden „bei Null und Konto Null" wieder an. Wir besaßen meist kaum mehr, als in einen Rucksack hineinging. Ein Teil von uns wartete auf die Rückkehr des Mannes oder des Verlobten aus der Gefangenschaft. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, wurden wir nach und nach „Nur-Hausfrauen", auch wenn viele den Männern immer wieder als Vertreterin, Buchhalterin, Sekretärin oder Praxishilfe zur Seite standen. Aber im Mittelpunkt standen letztlich unsere Kinder.
Jetzt sind unsere Kinder groß, Enkelkinder erfreuen uns. Oft hören wir von Zukunftsängsten, von einer Generation ohne Perspektiven. Doch wie war es bei uns? Wir hatten keine Chance, unsere Jugend zu genießen. Uns sah kaum ein Tanzvergnügen, es gab keine Auslandsreisen, keinen Schüleraustausch, keine Information einer freien Presse, keine schicken Kleider oder flotte Schuhe, kein eigenes Auto. Als der Krieg ausbrach, waren wir 18 Jahre alt. Wir wurden kriegsverpflichtet, mußten zum Arbeitsdienst und zum Pflichtjahr. Es gab keine, freie Diskussion. Wir warteten auf Feldpostbriefe, hatten Ängste um unsere Liebsten, unsere Väter und Brüder.
Doch als das Leben nach dem Krieg bei Stunde Null wieder begann, zeigte sich, daß wir das Lachen nicht verlernt hatten. Wir waren bereit zu einem neuen Anfang. Wir freuten uns, als wir wieder satt wurden, bessere Kleidung kaufen konnten, Wohnungen - wenn auch mit viel Mühe - fanden und einrichten konnten, vielleicht später sogar Häuser erwarben. Mit welcher Begeisterung erlebten wir schließlich unsere ersten Reisen ins Ausland. Ein Tor tat sich auf, nach der Abgeschlossenheit der Hitlerjahre.
Unser Elternhaus und unsere Schule in Hermannswerder haben uns vorbereitet auf die Bewältigung des Lebens, auch in bewegten Zeiten. Hierfür sind wir dankbar.
Maria Näder geb. Bock
Dorothea Kreidel geb. Jordan